Sonntag, 8. Juni 2008

Der Finanzsenator unter Strom!

Wir lieben ihn im Grunde alle, unseren Finanzsenator Thilo Sarrazin. Im Ernst schätze ich ihn deshalb wirklich, weil er sich offensichtlich einen Dreck um seinen Ruf schert und deshalb bereit und in der Lage ist, seine inhaltlich manchmal (aber nun auch weiß Gott nicht immer) fragwürdigen Ansichten von der Welt ohne jede Schutzschicht hinauszuposaunen.

Dieser, unser Thilo Sarrazin hat bekanntermaßen neulich mit einem Echtzeit-Experiment am lebenden Objekt (an sich und seiner Gattin) für Aufsehen gesorgt. Er wollte interessanterweise beweisen, dass man mit dem Geld, dass im Hartz-IV-Regelsatz für Essen enthalten ist, gesund leben kann. Also ließ er fleißig bei den einschlägigen Discountern einkaufen, vielleicht war er auch selbst unterwegs, das IST ihm zuzutrauen. Mit einem ausgeklügelten Essensplan kam er dann an die Öffentlichkeit und BEWIES, dass man von - ich sach mal - 4 Euro am Tag gar nicht schlecht lebt. Es gibt Brot, Wurst, Fettbemme, na gut, nicht so viel frisches Gemüse, aber ist ja egal. Er hat es überlebt, ihm hat es sogar geschmeckt (auch das IST ihm zuzutrauen). Am Ende stand die etwas ins Grundsätzliche gezogene Botschaft: Reicht doch.

Was beim Essen klappt, dachte ich mir, wird er wohl auch bei der Haushaltsenergie hinkriegen. Und ich schrieb ihm folgenden offenen Brief:


Sehr geehrter Herr Sarrazin,

als ich von ihrem Nahrungsmittelexperiment hörte, bei dem Sie unter Echtverhältnissen mit Discounterwurst bewiesen haben, dass der Regelsatz für Alg-II-EmpfängerInnen absolut ausreichend ist, war ich sofort überzeugt, dass Sie der Richtige wären, dies auch für den Verbrauch von Haushaltsenergie (Strom, warmes Wasser und Kochen) zu beweisen.

Die Testanordnung

Ziehen Sie bitte wahlweise allein, zu zweit mit Ihrer Frau oder zu dritt mit Ihrer Frau und einem Kind von - sagen wir - 11 Jahren in eine Testwohnung.

Diese Testwohnung soll bitte über folgende Elektrogeräte verfügen:

Kühlschrank ohne Gefrierfach, Waschmaschine, Elektroherd, Fernseher und elektrisches Licht. Die Warmwasserversorgung für Küche und Bad erfolgt über Strom.

Verzichten Sie bitte auf ein Gefriergerät, einen Wäschetrockner, einen Geschirrspüler, auf Hilfsgeräte für eine Zentral- oder Etagenheizung, auf einen Computer, dann praktischerweise gleich auch auf einen Monitor, Drucker, Kopierer oder Scanner, einen Videorekorder, einen Anrufbeantworter, ein Telefon, das Strom braucht, ein Faxgerät und vergleichbare Luxusgüter, die von Strom angetrieben werden. Aber auch auf sämtliche Haushaltsgeräte wie Mixer, Kaffeemühle oder Staubsauger.

Wie beim Essen soll es also ein ganz bescheidenes Leben sein.

Jetzt schließen Sie bitte den billigsten für Berlin zu habenden Stromvertrag ab. Wenn Sie keine Schulden haben und aufgrund Ihrer Schufa-Auskunft den Zuschlag bekommen, landen Sie aktuell (Strompreisvergleich im Internet vom 3.5.08) bei einem Anbieter aus Süddeutschland.

Für den Stromverbrauch Ihrer kleinen Gerätesammlung ziehen wir jetzt die Durchschnittsangaben des großen Berliner Stromversorgers Vattenfall heran, die er in der aktuellen Stromsparbroschüre anführt.

Und dann schauen wir, wie weit wir kommen.

Der Verbrauch

Unser süddeutscher Stromanbieter schlägt als Einstieg für einen Singlehaushalt einen Jahresstromverbrauch von 1200 kWh vor. Leider kommt Vattenfall bei ausschließlichem Einsatz der in unserer Testanordnung verfügbaren Geräte hier schon auf 1575 kWh. Schauen wir also, wieviel Strom sich ein Single vom Regelsatz billigstenfalls leisten kann.

Im Eckregelsatz von 347 Euro sind 6,3% für Haushaltsenergie (Strom, warmes Wasser und Kochen) enthalten. Da unsere Testwohnung alles mit Strom betreibt, nehmen wir den vollen Satz. Macht pro Monat 21,86 € oder im Jahr 262,32 €.

Der Singletarif kostet an Grundgebühren 57,12 € im Jahr. Bleiben 205,20 € für den nackten Verbrauch. Die Kilowattstunde im Singletarif kostet 20,92 Cent. Sie bekommen also pro Jahr 981 kWh für Ihren Stromanteil im Regelsatz.

Beim von Vattenfall veranschlagten Durchschnittsverbrauch unserer extrem gerätearmen Wohnung reichen Sie damit bis Anfang Juli. Da Sie weder Telefon noch Internet haben, erfährt das Gott sei Dank niemand.

Die Zahlen können Sie im Anhang studieren oder studieren lassen, aber es wird Sie freuen, dass der Regelsatzstrom immer realistischer wird, je mehr Personen zur Bedarfsgemeinschaft gehören. Im Zweipersonenhaushalt kommen Sie bei der Tarifwahl auch schon auf den Partnertarif, bei drei Personen reicht es allerdings noch nicht zum Familientarif, weil man dafür dann doch mehr Strom kaufen müsste, als man sich aus dem Regelsatz leisten kann.

In unserer Testanordnung reichte der Strom bei zwei Personen bis Oktober und bei drei Personen tatsächlich zwar nicht bis Silvester, aber bis in den Dezember hinein.

Wenn Sie allerdings auch solche Haushaltsgeräte betreiben wollten, wie wir sie hier entbehrlicherweise weggelassen haben, dann müssten Sie sich schon eine größere Familie zulegen, bis die Stromkosten zumindest theoretisch gedeckt sind.

Sollten Sie die Durchschnittsangaben von Vattenfall als zu hoch betrachten, können Sie Ihre Wohnung natürlich auch mit den modernsten Energiespargeräten ausrüsten. Dann würde ich Sie jedoch bitten, das für die Anschaffung solcher Geräte benötigte Geld beim nächsten Wursteinkauf zu sparen. Aber da hatten Sie ja reichlich…

Meine Frage an Sie: Sollen Kosten für Haushaltsenergie, die offensichtlich über den Alg-II-Regelsatz hinausgehen und ebenso offensichtlich nicht Folgen von Verschwendung sind, als tatsächliche Kosten der Unterkunft anerkannt und bewilligt werden? Falls nein, warum eigentlich nicht, da es bei der Energie für das Heizen der Wohnung ja auch nach Verbrauch geht?

Mit freundlichen Grüßen und in Erwartung Ihrer Testergebnisse verbleibe ich



Zwar habe ich diesen offenen Brief auch an die einschlägige Presse der pulsierenden Hauptstadt geschickt, aber die interessierte sich nicht besonders dafür. Eigentlich gar nicht...