Sonntag, 20. Juli 2008

Hochspezialisiertes Personal

Es ist eine Weile her, dass ich hier ein Realtime-Erlebnis aus dem Center berichtet habe, aber von dem vor gut einem Monat musste ich mich erstmal erholen. Verschweigen will ich es dennoch nicht. Es begab sich also zu der Zeit...

...dass mein Bewilligungszeitraum (BWZ) auslief. Vielleicht hatte ich bisher zu viel Glück, vielleicht wollte ich es auch herausfordern, jedenfalls stellte ich den Antrag auf Fortzahlung erst etwa drei Wochen vor dem Ablauf des BWZ. Konnte ja nicht gut gehen. Also wartete ich erstmal eine Weile, wurde dann langsam unsicher, ob es eine gute Idee war, so lange zu warten und bekam schließlich ein paar Tage vor dem neuen BWZ einen Brief vom JobCenter. Misstrauisch befühlte ich ihn noch am Briefkasten. Für einen Bescheid war er zu dünn. Aufgerissen und bestätigt: Es war eine Einladung zum Gespräch. Der Brief kam Freitags an, das Gespräch sollte Montag sein. Thema des Gesprächs wäre demnach meine Anlage EKS gewesen, die es zu interpretieren galt. Im Einzelnen meine KFZ-Kosten, meine Ausgaben für Fortbildung/Fachliteratur und meine Telefonkosten.
Ich dachte zwar, dass ich mein Gewerbe eindeutig und verständlich in Vorschauzahlen für die nächsten sechs Monate gegossen hatte, aber nun denn. Montags machte ich mich auf zur Entscheidungszentrale und saß kurz vor 15 Uhr allein auf einem entvölkerten Flur. Punkt 15 Uhr näherte sich eine Gruppe von etwa acht Damen offenbar aus der Mittags- oder Kaffeepause. Sie blieben noch ein paar Minuten entfernt stehen, besprachen alles, was nicht in die Pause gepasst hatte und verteilten sich dann grußlos an mir vorbei auf die Zimmer des Flurs. Eine steckte aber nochmal den Kopf raus, denn ich saß irgendwie vor ihrem Zimmer. "Ja bitte?"
Ich erfuhr, dass meine Sachbearbeiterin es einerseits geschafft hatte, mir vor dem Wochenende noch eine Einladung zu schicken, dass sie danach aber sofort erkrankt war. Nun war Montag und nicht absehbar, wann sie ihre Krankheit würde überwunden haben. Also musste die Jabittedame meinen Fall bearbeiten. In den nächsten 15 Minuten wurde ich unfreiwilliger Zeuge des Versuchs, den PC-Kalender meiner Sachbearbeiterin durch ihre Vertretung öffnen zu lassen. Ich erfuhr auch, dass ich als Selbständiger jetzt offenbar in einer Spezialabteilung für Selbständige bearbeitet wurde. Die Damen auf dem Flur waren offenbar Spezialistinnen für Selbständige. Auf jeden Fall aber hatten sie anscheinend viel mit Selbständigen zu tun, um nicht zu sagen, die Nase bereits voll. Ausrufe wie "Diese blöden Selbständigen!", "Wer will DAS Formular denn nun schon wieder haben?" oder "Und wie komme ich jetzt in MEINEN Kalender zurück?" erfüllten die klare Luft des Flures. Und die Damen wechselten die Zimmer, riefen sich gegenseitig zu und an, kurz und gut, irgendwann hieß es: "Wenn Sie bitte reinkommen...".

Die Dame, deren Namen ich hier pietätvoll verschweige, ließ mich erstmal wissen, dass sie hier und heute gar nichts entscheiden könne. Ich wies deshalb darauf hin, dass es sich um meine laufende Leistung handelt und ich in einer Woche Miete zahlen müsse. Vielleicht könnten wir uns ja mit der mir geschickten Einladung ans Thema heranpirschen. Da stehe ja gar nichts drin, sagte sie. Aber ich konnte sie erfolgreich auf die zweite Seite der Einladung locken, wo sehr wohl drinstand, worum es gehen sollte. Dergestalt in die Bearbeitungsfalle gelockt, meinte sie, "Dann muss ich erstmal wissen, was Sie überhaupt machen. Diese Zahlen hier, also Sie verdienen ja so gut wie nichts. Ich weiß gar nicht, ob ich das so durchgehen lassen kann." Ich verwies auf den Umstand, dass ihr Center mich seit anderthalb Jahren mit Einstiegsgeld ermuntert, mein bemitleidenswertes Gewerbe aufrecht zu erhalten. "Seit anderthalb Jahren? Das kann ja gar nicht sein. Wir genehmigen ja IMMER nur ein Jahr. Höchstens!"
Die Realität sprach an dieser Stelle für mich, denn ich stand ja kurz vor dem Antrag auf ein viertes Halbjahr Einstiegsgeld. In diesem Moment hatte ich aber dennoch ein komisches Gefühl. Ich saß mit einer mir völlig unbekannten Dame am Tisch, die offenbar gerade die mir gegenüber praktizierte Jobcenterpolitik der letzten Jahre aus dem Bauchgefühl des Moments heraus infrage stellen wollte. Das klingt niemals schön...
Also antwortete ich: "Sie werden es nicht für möglich halten, aber ich bin Hartz-IV-Berater." Das unterbrach ihren Entscheidungsdrang genau für so lange, dass ich gleich noch nachschieben konnte, ich sei schwerbehindert, könne nur 20 Stunden arbeiten, und meine Arbeitsvermittlerin Frau D.Z. habe mit mir quasi ein gentlemen's agreement geschlossen, nachdem ich einfach versuche, so viel wie möglich einzunehmen, aber beide Seiten wissen, dass ich davon nicht meinen Bedarf werde decken können. "Die D. erwürg ich!" sagte sie im Eifer des ersten Moments, dann aber: "Wenn Sie dann nochmal draußen Platz nehmen?"

Nahm ich. Sie kam zurück und sagte zu mir, dass meine Version wohl durch irgendwas oder irgendwen eine Bestätigung gefunden hatte. Deshalb könne sie verantworten, dass ich meine Bedürftigkeit wenigstens mindere. Andernfalls hatte sie wohl vor, mich sofort zu Bewerbungen aufzufordern und den Hartzer Roller sein zu lassen. Wir konnten also ins Detail gehen...
Danach war nun gar nicht mehr strittig, dass ich die Hälfte meiner Telefonflatrate abrechne. Bei den Fahrtkosten wollte sie von mir ein Fahrtenbuch haben. Ein kurzer Ausflug meinerseits in die hausinternen Durchführungsanordnungen ließ sie allerdings den Unterschied zwischen einem betrieblich genutzten Privat-KFZ und einem privat genutzten Betriebs-KFZ verstehen. Allerdings wollte sie mir jetzt nicht mehr glauben, dass mein Roller ein Betriebs-KFZ ist. Das müsse ja in den Fahrzeugpapieren eingetragen sein. Ja, richtig gelesen, sie glaubte, dass das in die Papiere kommt. Glücklicherweise hatte ich ALLE Papiere dabei, die es für ein Piaggio-Dreirad gibt. Nämlich den einen DIN-A-4-Zettel mit der Betriebserlaubnis. "Das ist ja alles italienisch!" erschrak sie. Ja, kann ich auch nicht ändern. Wir vereinbarten, dass ich mir vom Finanzamt bestätigen lasse, dass das Dreirad zum Betriebsvermögen gehört. Ich habe zwar den Kauf selbst im Urantrag auf Einstiegsgeld drin gehabt und 2007 jeden Monat die Abschreibung für den Kaufpreis abgerechnet, aber sie wollte es nicht glauben. (Diese Sache ist noch in der Mache, meine Bearbeiterin beim Finanzamt will mir jetzt eine Bestätigung schicken. Dazu muss ich der aber erst mitteilen, was mein Betriebsvermögen ist, weil die sich dafür noch nie interessiert hat...)

Schließlich noch der kleine Machtbeweis: Meine voraussichtlichen Ausgaben von zweimal 15 Euro für zwei eventuell notwendige Leitfäden als Handapparat wurden für die vorläufige Berechnung gestrichen. Das könne man alles auch im Internet nachlesen. Potzblitz. Ich kommentierte das nicht. Sollte ich tatsächlich einen Leitfaden kaufen, gebe ich ihn selbstredend als Ausgabe an und klage zur Not wieder von Pontius zu Pilatus.

Ein paar Tage später kam wieder ein Brief. Verdammt, wieder zu dünn für einen Bescheid! Jetzt wollten sie die Betriebskostenabrechnung meiner Wohnung für 2007. Ich schrieb zurück, dass ich die natürlich sofort schicke, wenn ich sie habe. Voraussichtlich im nächsten Dezember! Das muss dann irgendwie gereicht haben, denn ein paar Tage später bekam ich zwar wieder nicht den Bescheid, aber immerhin die Sanktionsandrohung für den Fall, dass ich nicht bis Februar 2009 die endgültige Berechnung zum Center schicke. Und schon Mitte Juli dann den Bescheid und auch das Juligeld.

Mein Antrag auf Einstiegsgeld wird noch bearbeitet.

Tja, unbezahltes Praktikum für den Berater. So kommt man auf keinen Fall aus der Übung. Wenn ich allerdings bedenke, dass selbst ich mit einigem Fachwissen im Rücken und einer im Grunde stoischen Natur an mehreren Stellen dieser Routinebearbeitung an mich halten musste, um nicht meinen wahren Empfindungen Raum zu geben, dann kann ich mir schon vorstellen, wie sich andere JobCenterKundInnen fühlen, wenn sie mit solcher Art Fachpersonal konfrontiert sind. Herr Scholz, Herr Weise, können Sie sich so etwas auch nur im Entferntesten vorstellen?