Freitag, 27. Februar 2009

Deutscher ging's wohl nicht...


Wikipedia sagt:
"Der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V. (kurz Deutscher Verein) mit Sitz in Berlin (früher Frankfurt am Main) ist der Zusammenschluss der öffentlichen und freien Träger sozialer Arbeit. Er ist ein eingetragener Verein, der als gemeinnützig anerkannt ist. Gegründet wurde er 1880. Nach seiner geltenden Satzung fördert er Bestrebungen auf dem Gebiet der sozialen Arbeit, insbesondere der Sozialhilfe, der Jugendhilfe und der Gesundheitshilfe in der Bundesrepublik Deutschland. Praktische Sozialarbeit ist nicht Aufgabe des Vereins, sondern die seiner Mitglieder."


Jetzt beginnt offenbar die Umsetzung dessen, was der Deutsche Verein im Oktober als Ergebnis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Welt schmiss. Eine neue Beurteilung der Notwendigkeit von Mehrbedarfen wegen "kostenaufwändiger Ernährung im Krankheitsfall". Das ist ein zusätzlicher Betrag in der Bedarfsberechnung, der zum Tragen kommt, wenn man bestimmte Krankheiten per Attest nachweisen kann. Waren das bisher Krankheiten, bei denen eine "gesündere" oder "vollwertigere" Ernährung oder auch eine spezielle Diät gut für die PatientInnen waren, dann wurden zwischen rund 25 und etwas über 60 Euro Mehrbedarf gewährt. Ein Abspecken dieser Leistung im wahrsten Sinne des Wortes gab es schon mal am Anfang der Hartz-IV-Story, als beschlossen wurde, dass bei Krankheiten, die mit Adipositas, also gemeinhin "Fettsucht" einhergingen, ein Mehrbedarf nicht nötig sei, weil die Leute ja schließlich weniger essen sollten und nicht mehr. Klingt fast logisch, verneint aber die Binsenweisheit, dass eine ausgewogene Diät oftmals teurer ist, als das auch (oder gerade?) in Hartz-IV-Kreisen genossene Industriefleisch von AldiLidlNetto.
Jetzt geht es weiter.
Für Krankheiten, bei denen bisher "Vollkost" (25 €) angezeigt war, gibt es keinen Mehrbedarf mehr, denn wie schon der scheidende Ernährungswissenschaftler Sarrazin bewies, kann man sich von 4 € am Tag nicht nur ausreichend, sondern auch gesund ernähren. Man muss eben nur solche Produkte kaufen, die vom Preis her "in der 25. Perzentile" liegen, sprich: zum untersten Viertel der "Preisstreuung" gehören. Also weg damit.
Die stolzen Besitzer von Attesten über sogenannte "verzehrende Krankheiten" (also HIV/AIDS, Krebs, Leberversagen, Morbus Crohn, Darmgeschwüre oder Multiple Sklerose) bekommen jetzt nur noch einen Mehrbedarf zugebilligt, wenn ihr Body-Mass-Index unter 18,5 fällt oder sie in den letzten 3 Monaten 5% ihres Körpergewichts verloren haben (wohlgemerkt nicht aufgrund einer gewollten Diät...). BMI von 18,5 heißt z.B., dass ein 1,95 m großer Mann nicht mehr als 71 Kilo auf die Waage bringen darf. Und ob man für die Weitergewährung des Mehrbedarfs in JEDEM Bewilligungszeitraum 5% des Körpergewichts verlieren muss, steht zu klären noch aus.
Die Jobcenter sind natürlich froh, dass der Deutsche Verein als besonders weise, formal unabhängige und selbstredend mit keinerlei Lobby verschmolzene Institution hier die Vorarbeit übernimmt, an deren Ergebnis man sich dann leiderleider halten muss. Dem Hause Scholz sind offenbar die Hände gebunden, wenn es darum geht, eine blödsinnige Steilvorlage mal nicht zu verwandeln...
Dass der "Mindest"-Mehrbedarf für kostenaufwändige Ernährung jetzt auf 35 € angehoben wurde, wird besonders denen am Arsch vorbeigehen, die ihn jetzt gar nicht mehr bekommen.
Herzlichen Dank, Deutscher Verein!