Sonntag, 12. Juni 2011

An die Hand genommen...

In diesem Monat starten die Regionaldirektion Berlin-Brandenburg und der Berliner Senat gemeinsam eine "Joboffensive". Dafür wurden nicht nur 300 vorhandene ArbeitsvermittlerInnen gecrashkurst, sondern auch noch 350 weitere neu eingestellt. Diese 650 Aufrechten sollen nun bei einem Verteilschlüssel von 100 KundInnen pro Nase die 65.000 "arbeitsmarktnahesten" der Berliner Arbeitslosen durch Intensivbetreuung im ersten Arbeitsmarkt unterbringen. Wenn man sich die Pressekonferenz der beteiligten Institutionen anhört, wird zwar nur bei 20.000 von denen mit einem Erfolg gerechnet, aber immerhin sind es doch hohe Ziele.

Offenbar hatten sich andere Regionen unserer Republik darüber beschwert, dass in Berlin die Jobcenter-Kundschaft immer nur maximal in Maßnahmen vermittelt wurde, selten aber in versicherungspflichtige "richtige" Jobs. Deshalb will man jetzt wohl nichts mehr dem Zufall überlassen, besonders scheint die allgemeine Meinung zu sein, dass BewerberInnen sich nicht mit dem notwendigen Nachdruck oder auch nur mit angemessener Ernsthaftigkeit um Jobs bemühen.
Denn nun gilt...
Durch diese intensivierte Zusammenarbeit können für den einzelnen Kunden spezifische Möglichkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt besser identifiziert und genutzt werden. [...]   
Die Berliner Joboffensive soll dazu beitragen, den Personalbedarf der Unternehmen auch aus den Potentialen der Jobcenter zu decken. Um die genauen Erwartungen der Arbeitgeber für die Stellenbesetzung zu kennen und bedienen zu können, werden die Projektteams die lokalen Kontakte zu den Betrieben verstärken. So können Integrationschancen für Jobcenter-Kunden auch dann genutzt werden, wenn der Einzelne das Idealprofil der freien Stelle auf den ersten Blick nicht erfüllt.


Praktisch soll das Ganze übrigens so aussehen, dass potenziell arbeitsmarktnahe, also leicht(er) vermittelbare KundInnnen im Rahmen eines Extrembetreuing in kurzen Intervallen (u.U. mehrmals pro Woche) vorgeladen werden. Und zu Vorstellungsgesprächen soll im Einzelfall dann gleich die Arbeitsvermittlerin mitgehen. Die Vorstellung, dass das eigentliche Bewerbungsgespräch dann zwischen ArbeitgeberIn und VermittlerIn abläuft und mit einem "Sehen Sie, das wäre doch sicher was für Sie!" abschließt, mutet schon seltsam an, ist aber dann wohl nicht mehr unvorstellbar. Denn so wird aus der Pressekonferenz berichtet:

Dafür wurden rund 350 neue Arbeitsvermittler eingestellt, die gemeinsam mit 300 bisherigen Vermittlern in Projektteams arbeiten werden. Sie sollen die Unterlagen der Arbeitslosen direkt zu den Unternehmen bringen oder diese, falls nötig, „an die Hand und direkt dorthin begleiten“, sagte Haupt-Koopmann. Man wolle zeigen, dass Hartz-IV-Empfänger auch gute Mitarbeiter sein können.
Offen ist erstmal noch, was nach der Aussiebung der Gesamtkundschaft der Jobcenter in "A- und BasiskundInnen" mit den übrigbleibenden BasiskundInnen passieren soll. Nach dem Zurückfahren der 1-€-Jobs, dem Zusammenstreichen sonstiger Fördergelder und dem nun offenbaren Desinteresse der Arbeitsverwaltung an der Förderung von nicht so leicht vermittelbaren Menschen ist einerseits denkbar, dass mit der Basiskundschaft nun gar nichts mehr läuft. Wahrscheinlicher dürfte aber sein, dass sich auch hier eine Art Extrembetreuing stattfindet. Allerdings eines ohne Perspektiven. Also Einladungen am laufenden Meter mit der ständigen Möglichkeit, durch Nerven oder Sanktionen bei Nichtbefolgen dieser Teil der Kundschaft aus dem Bezug zu drängen.
Der Begriff des "Stempelngehens" könnte also wieder eine Renaissance erleben...

Bei der Beschreibung der jeweils nächsten Stufe der Vermittlungsqualität ist es bei den Jobcentern ein bisschen wie bei der Waschmittelwerbung. Wird das neue Persil angepriesen, zeigt man im Vergleich einen Lappen, der mit dem alten Persil völlig fleckig blieb, während er ab sofort strahlt...
Wir dürfen also davon ausgehen, dass die Flecken der Joboffensive spätestens dann in aller Deutlichkeit hervortreten, sobald eine neue Idee auf den Markt kommt.