Mittwoch, 21. August 2013

Günther Jauch und die angenommene Wahrheit

Heute lag folgende Email in meinem Postkasten:

Lieber Herr Wallbaum,

mein Name ist Simone Bartsch, ich bin Redakteurin beim sonntäglichen Talkformat GÜNTHER JAUCH – und ich möchte Sie bitten, mir die Gelegenheit zu geben, mein Anliegen vorzutragen.

Für kommenden Sonntag (25. August) planen wir eine Sendung zum Thema „Nichtwähler“: Auch in diesem Jahr wird bei der Bundestagswahl die Zahl der nicht Wählenden immens sein. Ein kleinerer Teil sind Menschen aus dem bildungsnahen Bereich, die mit ihrer Nichtwahl der Politik einen Denkzettel verpassen wollen. Der weitaus größere Teil aber sind Menschen aus bildungsfernen Schichten, die sich entweder von der Politik im Stich gelassen fühlen oder aufgrund ihrer sozialen Situation soweit am Rande der Gesellschaft stehen, dass sie an dieser durch Wahlen nicht teilhaben möchten oder können.
Gerne möchten wir diese Gruppe in unserer Sendung durch jemanden repräsentieren, der sich beruflich täglich um die Probleme der Nichtwähler kümmert und uns stellvertretend erklären kann, warum für gewisse Menschen eine Wahl einfach kein Thema ist. Hier habe ich an Sie gedacht.

Ich weiß, dass Sie Medien gegenüber grundsätzlich zurückhaltend sind. Ich würde mich aber sehr freuen, wenn wir trotzdem in Kontakt treten können.


Herzliche Grüße
Simone Bartsch



Simone Bartsch

Redaktion
                                          
I&U TV Produktion GmbH & Co. KG

Was sagt uns das?

Offenbar  kann in großen Teilen der meinungsbildenden Organe unserer Republik der gedankliche Automatismus nicht gestoppt werden, dass finanzschwache Menschen logischerweise auch "sozial schwach" oder wie in diesem Fall "bildungsfern" seien. Ich habe über dieses Thema schon des öfteren schreiben dürfen bzw. müssen. Aber es hört einfach nicht auf.

Die Redaktion von Günther Jauch macht also eine Sendung über NichtwählerInnen und kommt zu der Konklusio, dass Hartz-IV-BezieherInnen nicht wählen, weil sie sich nicht für Politik interessieren, weil sie zu dumm sind, die Zusammenhänge zu verstehen. Das ist jetzt natürlich eine pointierte Zusammenfassung der obigen Anfrage, aber sie trifft in meinen Augen den anscheinend unsinkbaren Kern öffentlicher Wahrnehmung.

Nun, um an dieser Stelle noch einmal öffentlich zu sagen, was ich im Rahmen solcher fragwürdigen Sendeformate niemals täte, weil ich finde, man darf solche Sendungen nicht durch Anwesenheit adeln:

Natürlich gibt es in allen Schichten der Bevölkerung bildungsferne Menschen. Die einen haben es recht bildungsfrei zu Ansehen und Geld gebracht, die anderen nicht. Womöglich sogar, obwohl oder weil sie gebildet sind. Inwieweit die Verteilung von Bildung gerecht oder auch nur annehmbar geregelt ist, ist eine wichtige Frage. Und wozu man erworbene Bildung einsetzt, ist am Ende auch nicht wirklich Privatsache. Anders übrigens als die Frage, ob man an der Bundestagswahl teilnimmt.

Über das Wählen oder Nichtwählen nachzudenken, will ich mir an dieser Stelle aber verkneifen. Ich kann nur feststellen, dass meine Beratungskundschaft wahrscheinlich andere Probleme hat, als mir zu erklären, ob sie wählen geht. Daraus den Schluss zu ziehen, dass sie nicht wählen geht, scheint mir extrem ausgedacht.

Nun gut, am Ende wird Herr Jauch seine Sendung machen, und sie wird sein, wie alle seine Sendungen sind. Ich persönlich werde nicht daran teilnehmen. Aber das ist ja wirklich Privatsache. Und wie hält es Herr Jauch mit seinem Privatleben so schön? Wikipedia klärt uns auf:

Jauch kennzeichnet ein zurückgezogener Lebensstil. So äußerte er in Interviews, er nehme sich die Freiheit, ein Leben zu führen, das nicht seinen angenommenen wirtschaftlichen Möglichkeiten entspreche. Er verwendet nach eigenen Angaben schon seit seinen frühen Berufsjahren maßgebliche Teile seines Einkommens für wohltätige Zwecke, [...]

Das ist sympathisch. Auch ich nehme mir die Freiheit, ein Leben zu führen, das nicht meinen angenommenen wirtschaftlichen Möglichkeiten entspricht. Und auch ich verwende gewissermaßen alle Teile meines Einkommens für wohltätige Zwecke. Denn für die Beratung werde ich persönlich nicht bezahlt. Die Beratungen gelten aber gemeinhin als wohltätiger Zweck, jedenfalls deute ich die Rückmeldungen am Beratungstisch so. Wer weiß, vielleicht haben der Günther und ich irgendwo am Rande ja doch eine Schnittmenge...


Das Foto zeigt G. Jauch im Jahre 2008 bei einem Vortrag am Hasso Plattner Institut Potsdam. Es ist frei verfügbar nach Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported. Es gehört Bastih01.