Freitag, 25. Dezember 2015

Und nun? Spielabbruch? Elfmeterschießen?





Es ziemt sich eigentlich nicht, allzu schnell Recht behalten zu wollen und das auch noch eintreten zu lassen. Aber ich kann nicht anders. Stand der letzte Post noch unter der Metapher des Eigentors, dessen tragischer Held Manni Kaltz (HSV) war, so kommen wir heute zum "Taktischen Foul", vielleicht auch zum "Revanchefoul", das werden wir dann sehen. Berühmter Exekutor eines taktischen Fouls war der oben gezeigte Michael Ballack (Bayer Leverkusen, Bayern München, Sachsen, Deutschland). Er holzte ohne Rücksicht auf das eigene Verpassen eines WM-Finales aus taktischen Gründen einfach mal jemanden aus dem Weg. Was für ein Einsatz... Aber definieren wir erstmal:


Taktisches Foul

Unter einem taktischen Foul versteht man ein Foul, das ausschließlich aus taktischen Gründen, meist innerhalb der Feldhälfte des Gegners, begangen wird. Das Ziel eines taktischen Fouls ist es, eine Spielunterbrechung zu erreichen, wobei ein nachfolgender Ballbesitz des Gegners in Kauf genommen wird. Durch die Unterbrechung gewinnt die eigene Mannschaft Zeit, sich zu formieren und auf die neue Spielsituation einzustellen. Taktische Fouls werden häufig begangen, wenn der Gegner versucht, einen Konter vorzubereiten.
Taktische Fouls unterscheiden sich von gewöhnlichen durch mehrere Merkmale. „Normale“ Fouls werden in der Regel als letztes Mittel, den Gegner aufzuhalten, verwendet oder entstehen versehentlich. Unter anderem spielt häufig auch Aggression und Wut eine Rolle, etwa bei einer Blutgrätsche, was bei taktischen Fouls nicht der Fall ist. Stattdessen erfolgen Griffe an den Arm oder ans Trikot, was keine Gefährdung des Gegners nach sich zieht und den Schiedsrichter trotzdem dazu bewegt, das Spiel zu unterbrechen.
Taktische Fouls sorgen des Öfteren für Diskussionen, da sie das Reglement, das ja eigentlich für Fairness sorgen soll, zum Erreichen eines Vorteils ausnutzen. Unter anderem deshalb gibt es in einigen Sportarten (z. B. Fußball) für den Schiedsrichter die Möglichkeit, auf Vorteil zu entscheiden, wenn der gefoulte Spieler in Ballbesitz bleibt oder der Ball zu einem Mitspieler gelangt. Außerdem wird ein offensichtlich aus taktischen Motiven begangenes Foul im Fußball mit einer Verwarnung bestraft. So erhielt Michael Ballack im WM-Halbfinale 2002 nach einem taktischen Foul die Gelbe Karte und war damit für das Endspiel gesperrt.

Revanchefoul

Ein Foul, meist als Tätlichkeit ausgeführt, als Reaktion auf ein Foul des Gegners wird auch als Revanchefoul bezeichnet.

Notbremse

Erkennt der Schiedsrichter, dass mit Foul eine klare Torchance verhindert wurde, verweist er den fehlbaren Spieler mit der Roten Karte auf Dauer des Feldes. Ein solches Foul wird umgangssprachlich meist als Notbremse bezeichnet.
Der Spielstand von 0-1 gegen die Bundesregierung ergab sich ja aus dem Umstand, dass das Bundessozialgericht (BSG) entschieden hatte, dass EU-BürgerInnen, die von den Leistungen nach dem SGB II, also von Hartz IV, ausgeschlossen werden dürfen, gleichwohl einen Anspruch auf Sozialhilfe nach dem 12. Buch haben können, wenn sie die armentechnischen Voraussetzungen erfüllen. Nach einem "verfestigten" Aufenthalt von mindestens sechs Monaten in Deutschland ist auch nichts mehr zu diskutieren, da besteht der Anspruch dann.
Ich hatte die Schwierigkeit schon erläutert, die sich aus einer Zuordnung von erwerbsfähigen Erwachsenen in die Sozialhilfe ergibt, weil das 12. Sozialgesetzbuch eben überhaupt nicht für diese Bevölkerungsgruppe ausgelegt ist. Nachzulesen hier.

Meine Vermutung, dass nun die aufrechten WahrerInnen der Steuermilliarden aufspringen und sich empören würden, hat sich schneller bewahrheitet, als man hoffen durfte. Der Aufschrei richtet sich zunächst mal dagegen, dass die Betroffenen überhaupt Geld bekommen sollen. Ein intellektuell anspruchsloser Reflex sozusagen. Es ereifern sich die Kommunen, die wegen unstrittig gegebener Zuständigkeit die Kosten zu tragen hätten. Das ist verständlich, zeigt aber wie die gesamte Debatte nicht wirklich, dass die Beteiligten an einer konstruktiven Gesamtlösung interessiert wären. Denn die Entscheidung des Bundessozialgerichts hatte ja gerade auf das seines Erachtens aus dem Grundgesetz zwingend abzuleitende Grundrecht (=Anspruch) auf die Sicherung eines Existenzminimums abgehoben. Dieses sei eben allen Menschen zu gewähren, die sich in diesem Land aufhalten und nicht rechtmäßig rausgeschmissen werden.

Neben der kommunalen, und natürlich insbesondere bayerischen, Empörung war ein Vorfall besonders interessant. Das Berliner Sozialgericht hat in einer Entscheidung der letzten Woche einfach mal beschlossen, dass das zwei Instanzen höher angesiedelte Bundessozialgericht mit seiner Entscheidung die Verfassung unhaltbar gedehnt hätte, gar nicht wirklich für sowas zuständig sei und gewissermaßen die Rolle von Exekutive und Legislative durcheinanderwerfe. In der Folge wurde im konkreten Fall gegen die Bewilligung von Sozialhilfe entschieden. Ein wirklich ungewöhnliches Vorgehen, das ja hierarchisch in etwa so funktioniert, als würde die Bürgermeisterin von Doberlug-Kirchhain sagen, dass eine Anweisung der Bundesregierung für sie nicht bindend sei...

Alle bisherigen Forderungen gehen in die Richtung, dass das Sozialhilferecht nun von der Legislative, also dem Parlament, eingeschränkt werden soll. Ob hier ein dann neu zu prüfender Ausschlusstatbestand für EU-AusländerInnen formuliert werden soll oder ob im SGB XII die Folterinstrumente des SBG II eingeführt werden könnten, werden wir abzuwarten haben. Im letzteren Fall wäre dann interessant, ob auch die Förderinstrumente aus SGB II und III vom Sozialamt eingesetzt werden können (Bildungsgutscheine, Qualifikation, Bewerbungskostenbeihilfe und all das). Auch, ob dafür das Personal beim Sozialamt umzuschulen ist, damit es diese Aufgaben erfüllen kann. Von einer neuen millionenschweren Sozialhilfesoftware ganz zu schweigen...

Unterm Strich würde sich wohl eher anbieten, dass die Bundesregierung über ihren Schatten springt und auf den vom EUGH abgesegneten Ausschluss von EU-BürgerInnen verzichtet, sie also wieder ins System Hartz IV lässt. Denn der Europäische Gerichtshof hat ja nur entschieden, dass dieser Ausschluss mit dem Europarecht vereinbar sei. Nicht, dass er auch zwingend zu realisieren ist. Würden aber nun diese EU-BürgerInnen einfach doch Alg II bekommen, wären die Kommunen und damit auch die von den Kommunen getragenen Sozialämter entlastet, die EU-AusländerInnen könnten einerseits gefördert werden und andererseits hätten die Jobcenter auch alle Mittel zum Druck ausüben in der Hand, die sie so gern bei ihren KundInnen nutzen.

Ich kann mir allerdings ehrlich gesagt eher vorstellen, dass der komplizierte Weg gewählt wird. Und - jetzt kommen wir zum taktischen Foul - die wahrscheinlichste Variante ist wohl, dass einfach ein Ausschluss von arbeitsfähigen Hilfebedürftigen ins SBG XII eingebaut wird, weil man sich darüber ja erstmal jahrelang vor Gericht streiten kann (inklusive dann natürlich notwendiger Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts). Solange könnte man ja probeweise mal Ausschließeritis betreiben. Werden schon genug Betroffene nicht klagen. Aus Unwissenheit, aus Angst, warum auch immer. Jede nicht eingelegte Klage gegen ein offenbar verfassungsfeindliches Gesetz ist schließlich gespartes Geld.

Taktisches Foul at its best!



Foto: „Michael Ballack 2009 cropped“ von Новикова Юлия - Wikimedia Commons (originally from http://www.soccer.ru/gallery/16583). Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Michael_Ballack_2009_cropped.jpg#/media/File:Michael_Ballack_2009_cropped.jpg